Grundriss im Alltag
richtig testen

Der Grundriss-Stresstest: besteht ihr Traumhaus den Alltag?

Ein Grundriss kann perfekt wirken – und im Alltag trotzdem Nerven kosten. Mit einigen einfachen Tests erkennen Bauherren jedoch frühzeitig, ob Wege, Türen, Fenster und Räume wirklich mit ihren Lebensrealitäten zusammenpassen.

Egal ob auf Papier, einem Bildschirm, sogar bei dreidimensionaler Gestaltung oder einer Musterhaus-Begehung: Was ein Grundriss dann zeigt, mag großzügig und vollkommen logisch wirken. Ob er allerdings wirklich funktioniert, zeigt sich erst an einem gewöhnlichen Dienstag.

Dann, wenn verschlafene oder gestresste Bewohner im Flur aufeinandertreffen, Einkaufstaschen vom Auto in die Küche müssen, Kinder ihre Sachen suchen und zwischenzeitlich jemand versucht, im Homeoffice einen ungestörten Videocall durchzuführen.

Bevor die Planung festgezurrt und Verträge unterschrieben werden, lohnt sich deshalb ein Stresstest. Dabei wird das Haus nicht nur Raum für Raum betrachtet. Stattdessen spielen Bauherren typische Abläufe durch und prüfen, ob Wege, Türen, Fenster sowie Möbelpositionen zusammenpassen

1. NICHT RÄUME, SONDERN ABLÄUFE PLANEN

Die übliche Wunschliste der meisten angehenden Hausbesitzer beginnt mit Wohnfläche und Zimmerzahl. Für einen alltagstauglichen Grundriss ist jedoch ebenso wichtig, wie die Räume miteinander verbunden sind. Küche und Essplatz sollten kurze Wege ermöglichen. Die Garderobe braucht Platz dort, wo Jacken, Schuhe und Co. tatsächlich ausgezogen werden und bis zum nächsten Einsatz lagern. Und der großzügigste Hauswirtschaftsraum nützt wenig, wenn jeder Wäschekorb quer durch das Gebäude getragen werden muss.

Eine einfache Tabelle macht typische Abläufe sichtbar:

Alltagstest

Gedanklicher Weg

Warnsignal

Einkaufen

Stellplatz – Eingang – Vorrat – Küche

viele Türen, Stufen oder enge Kurven

Wäsche

Schlaf- bzw. Kinderzimmer – Bad – Hauswirtschaftsraum – Schrank

mehrere Geschosse ohne sinnvolle Ablage

Garten

Wohnbereich – Terrasse – Geräteschuppen

verschmutzte Wege durch den Wohnraum

Feierabend

Eingang – Garderobe – Bad – Wohnbereich

Kreuzung mit Küche oder Arbeitszone

Auf dem Grundriss lassen sich diese Wege mit farbigen Linien markieren. Häufen sich Kreuzungen an einer Stelle, liegt dort wahrscheinlich eine spätere Engstelle. Und werden Linien schlichtweg zu lang, liegt vermutlich ebenfalls etwas im Argen.

2. DER MORGEN-TEST DECKT SCHWACHSTELLEN FRÜH AUF

Besonders aufschlussreich ist die Zeit, in der mehrere Bewohner gleichzeitig starten. Geht die Badezimmertür noch auf, wenn jemand davor am Schrank steht? Können zwei Personen aneinander vorbeigehen? Wie viele Bäder und Badbereiche können realistisch gleichzeitig genutzt werden? Kommt man nicht mehr durch die Haustür, wenn dahinter gerade mehrere Personen Schuhe und Jacken anziehen?

Für diesen Test sollten Bauherren vier typische Alltagssituationen durchspielen:

  • Mehrere Bewohner verlassen gleichzeitig ihre Zimmer
  • Bad und Gäste-WC werden parallel genutzt
  • Frühstück und Schulvorbereitung laufen nebeneinander
  • Alle Bewohner kehren gleichzeitig mit den Wocheneinkäufen zurück                                                                                     

Dabei zeigt sich oft, dass nicht das kleinere Kinderzimmer zum Problem wird, sondern eher Details wie eine zu knapp bemessene Diele oder eine ungünstig angeschlagene Tür. Einige zusätzliche Zentimeter an der richtigen Stelle bringen dann mehr als Fläche, die später nur einen breiteren Durchgang produziert.

3. FENSTER GEHÖREN ZUR MÖBLIERUNGSPLANUNG

Fenster werden im Entwurf gern dort platziert, wo die Fassade besonders harmonisch aussieht. Im Raum können dieselben Positionen jedoch Konflikte verursachen. Ein Flügel teilt im offenen Zustand die Küche in zwei Hälften, eine niedrige Brüstung verhindert den Schreibtischplatz, ein breites Element nimmt die einzige brauchbare Schrankwand ein oder der Griff bleibt schwer erreichbar.

Deshalb sollten vor der endgültigen Bestellung mindestens Möblierung, Brüstungshöhe, Öffnungsrichtung und Verschattung feststehen. Erst danach lassen sich die benötigten Maße bestimmen und über einen spezialisierten Anbieter Fenster günstig kaufen. Dessen Konfigurator berücksichtigt unter anderem Fensteraufteilung und Öffnungsart; ein Messassistent unterstützt beim Ermitteln der Bestellmaße. Entscheidend bleibt trotzdem, dass diese Angaben aus der abgestimmten Hausplanung stammen und nicht erst beim Bestellen improvisiert werden.

Raum

Typischer Konflikt

Frühzeitig prüfen

Küche

Flügel kollidiert mit Armatur oder Arbeitsplatte

Brüstung und Öffnungsrichtung

Schlafzimmer

Fenster nimmt Stellfläche für den Schrank

Wandbreiten und Möblierungsvarianten

Bad

Einblick oder schwer erreichbarer Griff

Fensterhöhe und Sichtschutz

Wohnzimmer

Blendung am Bildschirm oder starke Aufheizung

Ausrichtung und außenliegende Verschattung

Der Test sollte auch geöffnete Zimmertüren einbeziehen. Auf vielen Plänen erscheinen Türblätter nur als dünne Bögen. Im Alltag dagegen beanspruchen sie echten Raum und können mit Möbeln oder anderen Türen kollidieren.

4. DER TRANSPORT-TEST FOLGT DEN SCHWEREN DINGEN

Ein Haus wird nicht nur von Personen genutzt. Auch Getränkekisten, Staubsauger, Kinderwagen, Haustiere und Gartenpolster sowie vieles weitere bewegen sich ebenfalls durch den Grundriss. Wer diesen Gegenständen gedanklich folgt bzw. sie transportiert, entdeckt schnell unpraktische Stufen, enge Wendungen, schmale Türen oder fehlende Abstellflächen. Besonders wichtig sind die Wege zwischen Stellplatz und Küche sowie zwischen Hauswirtschaftsraum und Kleiderschränken.

Auch der Zugang zum Garten benötigt Aufmerksamkeit. Selbst auf kleinen Grundstücken sollte es unbedingt eine Möglichkeit geben, das Haus zu umgehen. Andernfalls kommt garantiert der Tag, an dem eine schwerbeladene Schubkarre mit schlammigem Reifen von der Terrassen- zur Haustür dirigiert werden muss.

Hilfreich ist außerdem ein maßstäblicher Möblierungsplan. Dort werden nicht nur Schränke und Tische eingezeichnet, sondern auch die wichtigen Bewegungsflächen, geöffnete Türen, ausgezogene Stühle und vorübergehend abgestellte Gegenstände. So zeigt sich, ob der Raum auch während seiner Benutzung funktioniert.

5. BESUCH, RÜCKZUG UND HOMEOFFICE ZUSAMMENDENKEN

Ein offener Wohnbereich kann großzügig wirken, hat definitiv Vorteile und ist im Trend. Aber er verteilt auch unter anderem Gespräche und Küchengeräusche weit im Haus. Das wird relevant, sobald Gäste da sind oder parallel gearbeitet wird. Der Grundriss sollte daher nicht nur Gemeinschaft ermöglichen, sondern auch Rückzug.

Ein flexibel nutzbares Zimmer im Erdgeschoss etwa kann zunächst Büro oder Gästezimmer sein. Später eignet es sich möglicherweise als Schlafraum. Dafür sollte es nicht direkt an der lautesten Wohnzone liegen und eine vernünftige Stellfläche besitzen. Auch ein kleines Gäste-WC gewinnt an Nutzen, wenn es ohne Umweg durch private Bereiche erreichbar ist.

6. DER ZUKUNFTSTEST VERHINDERT VORSCHNELLE FESTLEGUNGEN

Wohnbedürfnisse verändern sich. Kinderzimmer werden frei, Homeoffice wird wichtiger, Angehörige ziehen zeitweise ein oder ein Schlafplatz im Erdgeschoss wird nötig. Ein guter Grundriss muss nicht jede Zukunft vorhersehen. Er sollte Veränderungen jedoch nicht unnötig erschweren.

Darauf kommt es an:

  • Räume besitzen möglichst normale Proportionen
  • Fenster und Türen erlauben mehrere Möblierungen
  • Anschlüsse lassen sich bei Bedarf ergänzen
  • Verkehrsflächen funktionieren auch mit eingeschränkter Beweglichkeit

Problematisch sind Räume, die nur für eine einzige Möblierung taugen. Schon ein anderer Schrank oder ein größerer Schreibtisch kann dann den gesamten Plan aushebeln. Und das kann schon wenige Jahre nach dem Einzug akut werden – vielleicht bloß deshalb, weil man sich an der bisherigen Möblierung sattgesehen hat oder sie im Alltag doch unpraktischer war als gedacht.

FAZIT

Jeder, der Häuser designt, errichtet und verkauft, versucht Kunden so gut wie möglich, schon vor der Vertragsunterzeichnung die Realitäten in dem Gebäude näherzubringen. Doch selbst digitale 3D-Technik kann dabei nicht alles mit letztem Realismus zeigen. Egal, wie sehr ein Haus im Katalog begeistern mag oder wie großzügig der Grundriss wirkt, vor der Unterschrift sollte immer ein realistischer Stresstest stehen. Denn ein wirklich perfektes Haus funktioniert auch dann noch und macht Spaß, wenn der Alltag sich von seinen unangenehmeren Seiten zeigt. Und sei es, wenn man bei strömendem Regen die Einkäufe rasch in die Pantry befördern möchte, während der Nachwuchs seine Schmutzwäsche durchs Haus trägt, um sich endlich fürs Sporttraining fertig zu machen

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